Speicher auflösen
HaDivadlo, Brünn
Raue Reifung in einer kleinen mährischen Stadt
Ein dreizehnjähriger Junge, Přerov, frühe 2000er Jahre. Eine Umgebung, in der jeder jeden kennt, aber Nähe bedeutet oft eher Einsamkeit und Angst als Halt. Ein abwesender Vater, das Schweigen der Mutter, die Autorität der Großeltern. Wachsendes Bewusstsein, dass man anders ist in einer Umgebung, die einen nicht akzeptiert. Eine Kleinstadt als kollektiver Organismus, eine Kraft, die einen prägt, und eine Quelle von Trauma, das den Wunsch zu fliehen schürt. Aus Angst verschwindest du in die Großstadt, aber die Vergangenheit lässt dich nicht los. Die Rückkehr erfüllt dich mit Angst. Der Tod deines Großvaters zwingt dich zurück an Orte, die du für immer hinter dir lassen wolltest. Du hast keine Wahl. Vielleicht wirst du feststellen, dass es um nichts geht, dass du deine Erinnerungen einfach überwinden kannst. Kann man jemals den Orten entkommen, die einen geprägt haben?
Die Inszenierung ist eine Adaption des autofiktionalen Romans "Speicher auflösen" von Marek Torčík, der 2024 den Magnesia Litera Preis für Prosa gewann. Sie eröffnet das Thema des Erwachsenwerdens vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit, latenter Rassismus und Homophobie.
Regisseur Ondřej Štefaňák und Autor Marek Torčík sind beide in kleinen mährischen Städten aufgewachsen und beide nach Prag gezogen. Die Inszenierung ist somit eine intime Sonde in eine Erinnerung und ein Zeugnis der Identitätssuche, des Mutes, die eigene Geschichte zu erzählen, und der Angst vor der Rückkehr an Orte, die einen sowohl schaffen als auch verletzen.