Patient XY
Im Dezember 1945 fand in Prag ein pazifistischer Putsch statt, den niemand bemerkte. Sein Urheber, der Prager Arzt Jan Lukeš, wurde wegen seines Wunsches, die ganze Welt zu entwaffnen, festgenommen und hospitalisiert. Ihm wurde Schizophrenie diagnostiziert.
Im Jahr 1956 veröffentlicht Professor Jaroslav Stuchlík einen Artikel über seinen Patienten XY, der 16 künstliche Sprachen erschaffen hat. Die Überraschung war zweifach: Nach Jahren meldete sich eine Legende der Psychiatrie wieder zu Wort, von der niemand mehr etwas erwartet hatte, und darüber hinaus hatte noch kein schizophrener Patient ein so umfassendes Sprachsystem geschaffen.
Jener Patient war niemand anderes als Doktor Lukeš - ein Träumer, der nicht schlafen konnte, ein Linguist, der komplizierte Systeme entwarf, damit sich Menschen besser verstehen konnten, ein Genie, das Hohes mit Niedrigem so vermischte, dass seine Opern zur Zerstörung von Theaterbauten führten und seine Liebeslyrik in Pornografie ausartete. Viele seiner Werke sind nicht erhalten geblieben, viele seiner Erfindungen funktionieren nicht.
Ein Teil der Korrespondenz zwischen Doktor Lukeš und Professor Stuchlík ist jedoch erhalten geblieben. Explosive, ergreifende, grausame und unterhaltsame Briefe bieten einen Einblick in eine bemerkenswerte Beziehung, in der unklar ist, wer die Oberhand hat und wer wen braucht. Eines ist sicher: Die Werke dieses psychopathischen "Wunderkindes" (wie sich Lukeš selbst nannte) faszinieren bis heute.











